Ich bin jung, und ich bin unsicher. Seit einem Jahr bin ich mit diesem Mann zusammen.

Mit Sex wollte ich eigentlich noch warten, vor allem, weil ich tief in mir spüre, dass ich

mir nicht sicher bin, ob er wirklich der richtige Partner für mich ist. Für ihn ist das keine

akzeptable Entscheidung. Seit Monaten kehren unsere Gespräche immer wieder zu

diesem Thema zurück. Ich äußere Zweifel, er drängt. Ich nenne Gründe, weshalb ich

warten möchte, doch er lässt sie nicht gelten. Er versucht, mich zu verführen, wird

ungeduldig, manchmal gekränkt, wenn ich ihn erneut zurückweise. Dann sagt er, ich

würde seine Liebe nicht annehmen.

Nach einem Jahr begreife ich, dass ich ihn verlieren werde, wenn ich nicht nachgebe. In

unserer Kirchengemeinde gelten wir als das perfekte Paar: junge, engagierte Studenten,

wir singen im Chor, die Menschen mögen uns und bewundern unsere Beziehung. Wir

sind ein Vorzeigepaar. Eine Trennung erscheint unmöglich. Ich hätte das Gefühl, alles zu

verlieren – ihn, meinen Platz in der Gemeinde, die Unterstützung der anderen, die ihn

sehr schätzen. Außerdem haben wir doch gemeinsame Pläne: eine Familie, ein Haus,

eine gute Ehe. Schließlich stimme ich zu, mit ihm zu schlafen, obwohl ich schon lange

nicht mehr sicher bin, ob ich diese Beziehung überhaupt will. Mein Verstand hat sich

überreden lassen. Doch meine Seele und mein Körper sagen Nein. Nein zu der Rolle, in

die ich hineingeraten bin, nein zu körperlicher Nähe ohne inneres Einverständnis.

Das Schwierige daran ist, dass ich schon früh gelernt habe, meine eigenen Gefühle zu

übergehen. Du bist satt? – Der Teller wird trotzdem leer gegessen. Du magst die Tante

nicht? – Sei höflich und gib ihr einen Kuss. Du bist wütend? – Werde bloß nicht laut. Ich

lerne, meine Gefühle zurückzuhalten, damit sich niemand daran stört. Die Botschaft

dahinter ist klar: Deine Gefühle sind nicht wichtig. Diese Haltung habe ich so früh

verinnerlicht, dass meine eigenen Empfindungen irgendwann aus meinem Bewusstsein

verschwinden. Doch was der Kopf verdrängt, zeigt sich im Körper. Er macht dicht. Eine

starke Verkrampfung lässt keine normale Sexualität zu. Über Monate, über Jahre hinweg

kämpfe ich allein gegen meinen eigenen Körper. Die Schmerzen sind so heftig, dass Lust

kaum möglich ist. Ein Kreislauf entsteht, aus dem ich keinen Ausweg finde. Ich ziehe

mich zurück, er drängt weiter, verfolgt seine Vorstellungen davon, wie ich zu sein habe.

Ich sei gefühlskalt, heißt es, ich würde ihn nicht wirklich lieben.

Viele Jahre später werde ich bereuen, dass ich damals nicht ausgesprochen habe, was

ich eigentlich wusste: Vielleicht hast du recht. Vielleicht kann ich dich nicht so lieben,

wie du es brauchst. Wir sollten uns trennen. Stattdessen versuche ich, ihm meine Liebe

zu beweisen. Wir heiraten. Ich bemühe mich mit aller Kraft, die Frau zu sein, die er sich

wünscht, während ich gleichzeitig versuche, aus ihm den Mann zu machen, den ich mir

erträumt habe – stark im Glauben, jemand, bei dem ich Halt finde. Beides misslingt. Die

Probleme im Bett werden chronisch. Wir haben kaum noch Sex. Trotzdem bleibe ich. Wir

haben einen gemeinsamen Plan: Familie, Kinder, ein Haus, ein gutes Leben. Wir bauen

ein Haus , wir bekommen Kinder. Und ich verurteile mich selbst dafür, dass ich nicht glücklich

bin, obwohl ich doch alles erreicht habe, was ich wollte. In dunklen Stunden knie ich weinend

und bitte Gott um Hilfe. Doch es fühlt sich an, als bliebe er stumm gegenüber den Nöten von Frauen.

Jahre vergehen. Irgendwie mache ich weiter. Ich erziehe meine Kinder, erfülle alles, was

von mir als Mutter, Ehefrau und Hausfrau erwartet wird. Oft wünsche ich mir insgeheim,

das Schicksal möge mich von dieser Last befreien. An einem Hochzeitstag stehe ich vor

dem Kuchen, den ich gebacken habe, und sehe die zweistellige Zahl darauf. Tränen

steigen auf, aber wie so oft lächle ich und verstecke sie. So viele unglückliche Jahre,

denke ich. Selbst ein Schwerverbrecher wäre nach langer Zeit wieder frei – und ich lebe

weiter in diesem Ehegefängnis. Diese Zahl weckt mich auf. Wenn ich nicht den Rest

meines Lebens so verbringen will, muss ich etwas ändern. In den Wochen danach wage

ich die ersten Schritte. Es ist grausam, eine Familie zu zerstören, die nach außen

glücklich wirkt. Doch noch grausamer wäre es, weitere Jahrzehnte ein Leben zu führen,

das sich nicht wahr anfühlt.

Fünf Jahre später bin ich geschieden. Ich habe einen neuen Partner. Und plötzlich

reagiert mein Körper anders. Sexualität ist möglich. Was sich verändert hat? Alles. Ich

bin ehrlich und tief in ihn verliebt. Er respektiert meine Grenzen. Nach und nach lerne

ich, die lange unterdrückten Gefühle wieder wahrzunehmen und mein Handeln daran

auszurichten. Wenn sich ein Unbehagen zeigt, halte ich inne und frage mich, was

dahinter steckt. Ich brauche regelmäßig Zeit für mich allein, gehe gern mit Freundinnen

aus, habe meine eigenen Bedürfnisse. Er versucht nicht, mich zu verändern. Er ist

einfach neugierig darauf, wer ich bin. Es gibt keine Rolle mehr, die ich erfüllen muss. Wir

lernen einander kennen, so wie wir wirklich sind, und begegnen uns auf Augenhöhe.

Jeder darf sein, wie er ist. Veränderung kann nur von innen kommen, niemals durch

Druck.

Was das mit Sexualität zu tun hat? Für mich alles. Körperliche Nähe setzt seelische

Nähe voraus. Erst wenn wir uns innerlich angenommen fühlen, können auch unsere

Körper zueinander finden. Mein Körper hat die schwierigen Jahre nicht vergessen, und

mein Partner weiß das. Deshalb lässt er mir Zeit. Wenn ich sage „warte“, wartet er. Wenn

ich unterbreche, gibt es keine Kritik. Wir fragen einander: Ist das in Ordnung? Fühlt sich

das gut an? Und ein Nein ist kein Anlass für Kränkung. Wir achten aufeinander. Gute

Sexualität entsteht nur auf Augenhöhe. Beide müssen es wollen, beide dürfen jederzeit

aufhören. Niemand ist zu etwas verpflichtet – zu keiner Handlung, keiner Erwartung.

Meine Störgefühle sind heute mein Kompass, und ich spreche darüber. Mein Partner

kann meine Gedanken nicht erraten; indem ich ausspreche, was in mir vorgeht,

ermögliche ich Verständnis.

Sex folgt keinem festen Ablauf. Er ist Ausdruck der Haltung, die zwei Menschen

zueinander haben. Er beginnt lange vor dem Schlafzimmer – mit Aufmerksamkeit,

Ehrlichkeit und der Bereitschaft zuzuhören. Wenn etwas zwischen uns steht, muss es

ausgesprochen werden, ohne Vorwürfe, ohne das Gefühl des anderen abzuwerten.

Erst wenn sich die Seelen wieder begegnen, kann auch körperliche Nähe entstehen.

Intimität bedeutet dann nicht, Bedürfnisse zu erfüllen, sondern gemeinsam unsere Liebe zu

feiern. Ob wir nur kuscheln oder miteinander schlafen, ob jemand zum Höhepunkt

kommt oder nicht, ist zweitrangig. Entscheidend ist, dass sich beide jederzeit wohl und

sicher fühlen.

Ich habe auf schmerzhafte Weise gelernt, dass Gefühle sich nicht erzwingen lassen.

Sexualität spiegelt die Beziehung wider. Einen Menschen kann man nur so lieben, wie er

ist. Und echte Liebe bleibt etwas Magisches, ein göttliches Geschenk. Wenn sie fehlt,

müssen Verstand und Gefühl miteinander sprechen – und manchmal auch

Konsequenzen gezogen werden, selbst dann, wenn man nach außen wie ein Traumpaar

aussieht.

(Die Verfasserin dieses Artikels ist uns bekannt, aber sie möchte gerne anonym bleiben.)

Anmerkung der Blogbetreiber:
Ein Leserbrief ist die persönliche Meinung des Verfassers und muss nicht die Position der Blogautoren widerspiegeln. Wir veröffentlichen ihn dennoch, weil persönliche Erfahrungen und Perspektiven anderen helfen können, ihre eigenen Herausforderungen aus einem neuen Blickwinkel zu betrachten.