Zwei Menschen, zwei verschiedene Konfliktkulturen
Als wir frisch verheiratet waren, brachten wir beide ganz unterschiedliche Familienkulturen mit – und damit auch völlig verschiedene Vorstellungen davon, wie man mit Konflikten umgeht.
In meiner Familie war es ganz normal, Probleme sofort anzusprechen – genau in dem Moment, in dem man sie empfand. Im Eifer des Gefechts und mit einer großen Portion Emotionen wurde dem anderen erst einmal „die Meinung gesagt“, ohne groß darüber nachzudenken, wie sich der andere dabei fühlte. Die Dinge mussten auf den Tisch. Der Fehler musste benannt werden. Und der andere sollte sich gefälligst ändern!
Wenn sich der andere dann verteidigte, entwickelte sich daraus schnell ein lautstarker Schlagabtausch. Irgendwann fühlte sich einer von beiden dem anderen argumentativ unterlegen. Er hatte das Gefühl, mit seinen Worten nicht mehr durchzukommen.
Es herrschte die Einstellung: „Entweder bin ich falsch oder richtig.“ Ein Schwarz-Weiß-Denken, das Kompromisse machen nicht als Option sieht.
Und was passierte dann?
So schnell wie möglich verließ einer den Raum, knallte die Tür hinter sich zu, und in der Beziehung herrschte erst einmal Funkstille. Man sprach nicht mehr miteinander – manchmal stundenlang, manchmal sogar tagelang –, bis sich einer oder beide wieder beruhigt hatten. Irgendwann nahm man den Kontakt wieder auf. Doch das eigentliche Problem war damit selten gelöst.
Wir hatten den Konflikt nicht wirklich aufgearbeitet. Wir hatten uns nicht gegenseitig um Vergebung gebeten oder Vergebung zugesprochen. Wir hatten keinen gemeinsamen Weg gefunden und keinen Kompromiss erarbeitet.
Wir hatten lediglich aufgehört zu streiten. Und das ist nicht dasselbe wie Versöhnung.
In der Familienkultur meines Mannes lief das ganz anders.
Wenn eine Diskussion hitzig wurde, rannte niemand aus dem Zimmer. Man blieb sitzen. Selbst wenn beide zunächst schwiegen und erst einmal Zeit brauchten, um sich innerlich zu beruhigen, bevor sie weitersprechen konnten.
Nicht jedes Problem wurde sofort angesprochen. Wenn der Eindruck entstand, dass ein Thema zu einem größeren Konflikt führen könnte, überlegte man zunächst, ob es wirklich notwendig war, es jetzt anzusprechen – oder ob es vielleicht auch einen anderen Weg gab, die Situation zu lösen.
Das war für mich zunächst völlig fremd. Ich empfand dieses Schweigen oft als Vermeidung von Konfrontation, Feigheit. Mein Mann dagegen empfand meine Art, Konflikte sofort und direkt anzusprechen, total kontraproduktiv.
Heute verstehen wir: Keiner von uns hatte die „richtige“ Art gelernt. Wir hatten einfach zwei sehr unterschiedliche Konfliktkulturen erlernt und mit in unsere Ehe gebracht.
Warum ich mich in Konflikten so schnell angegriffen fühlte
Als wir dann heirateten, fiel es mir unglaublich schwer, Konflikte mit meinem Mann auszutragen.
Immer wenn er ein Thema ansprechen wollte – zum Beispiel, wie wir die Aufgaben im Haushalt fair aufteilen könnten –, hatte ich das Gefühl, dass ich gegen ihn sowieso keine Chance hatte. Er konnte seine Gedanken ruhig und logisch erklären. Ich dagegen hatte nie gelernt, sachlich zu argumentieren.
Ich hatte von zu Hause mitgenommen, dass man sagt, was man denkt und fühlt – und zwar sofort und oft voller Emotionen. Mein Mann hingegen blieb selbst in schwierigen Gesprächen ruhig. Er brachte gute Argumente vor, erklärte seine Sichtweise und war bereit, gemeinsam nach einer Lösung zu suchen – auch wenn er dazu seine Position aufgeben und einen Kompromiss eingehen musste.
Doch ich konnte das damals gar nicht hören oder verstehen.
Ich fühlte mich schnell angegriffen und reagierte nicht auf das, was er sagte, sondern auf das, was ich dabei empfand. Statt zuzuhören, ging ich innerlich sofort in die Verteidigung.
Heute weiß ich, dass dahinter eine tiefe Unsicherheit steckte. Menschen mit einem geringen Selbstwertgefühl oder einer unsicheren Persönlichkeit erleben Kritik häufig als persönlichen Angriff. Sie hören nicht: „Lass uns gemeinsam eine Lösung finden“, sondern: „Mit dir stimmt etwas nicht.“
Das musste ich erst lernen: Nicht jede Kritik ist ein Angriff. Oft ist sie einfach der Versuch, ein Problem gemeinsam zu lösen.
Wenn das gleiche Muster auch die Intimität beeinflusst
Das Gleiche passierte auch, wenn wir über Sex sprachen. Ich fühlte mich ständig nur beschuldigt, obwohl er das Thema eigentlich einfach nur besprechen wollte. Aber ich konnte nicht darüber sprechen, ohne emotional zu werden.
Ich glaubte, dass ich seinen Erwartungen nicht gerecht werden konnte, und wollte mich deshalb nur verteidigen. Ich konnte nicht einmal richtig zuhören, weil ich sofort in eine Verteidigungshaltung ging.
Und wenn ich mit meinen Argumenten nicht weiterkam, verließ ich irgendwann das Zimmer. Ich wollte dann nicht mehr mit ihm reden und fühlte mich einfach nur total verletzt und unverstanden.
Der Sturm und die Schildkröte: Ein Muster, das viele Paare kennen
Es hat lange gedauert, bis wir verstanden haben, dass es in fast jeder Ehe eine Person gibt, die bei einem Konflikt wie ein Sturm reagiert, während die andere sich in ihr Schneckenhaus zurückzieht.
Man spricht dabei vom Schildkröten-Phänomen.
Ein Partner lässt nicht locker und möchte den Konflikt sofort klären. Der andere Partner ist zunächst überfordert, kann nicht mehr klar denken und braucht eigentlich erst einmal eine Auszeit, um mit diesen Gefühlswallungen zurechtzukommen.
Doch der Sturm will SOFORT eine Antwort. Die Schildkröte zieht sich in ihren Panzer zurück (verlässt das Zimmer) und wartet, bis der Sturm vorübergezogen ist.
Kennst du dieses Muster aus deiner Beziehung?
Wer ist bei euch die Schildkröte und wer verhält sich eher wie der Sturm?
Habt ihr einen gesunden Umgang damit gefunden?
Du darfst gerne in den Kommentaren schreiben, wie ihr gelernt habt, mit dieser Dynamik umzugehen.
Was kann ich machen, wenn ich der Sturm bin?
Wenn du merkst, dass du eher der Sturm in eurer Beziehung bist, gibt es einige Dinge, die du lernen kannst, um Konflikte anders anzugehen.
1.Sprich schwierige Themen nicht mitten im Sturm an
Wenn sich in dir etwas aufbaut, dich etwas an deinem Partner stört oder es diese eine Sache gibt, die er oder sie gefühlt immer wieder falsch macht, dann warte nicht, bis es erneut passiert und du es deinem Partner in deiner großen Frustration heraus sagst.
Versuche in solchen Situationen, erst einmal innezuhalten, tief durchzuatmen und deinen Partner um ein Gespräch zu bitten, das dann vielleicht abends oder morgens beim Mate stattfinden kann.
Dein Partner reagiert dann vielleicht trotzdem verletzt oder überrascht. Aber du selbst bist in diesem Moment schon ruhiger geworden und kannst besser erklären, warum es dir wichtig ist, dieses Thema anzusprechen.
2.Gib deinem Partner Zeit
Wenn du etwas angesprochen hast, erwarte nicht sofort eine Antwort.
Lass Pausen zu.
Oder sage deinem Partner bewusst, dass du auf eine Antwort warten kannst, bis er oder sie bereit dazu ist.
Das nimmt den Druck aus der Situation heraus und gibt deinem Partner die Möglichkeit, mit klarem Kopf darüber nachzudenken.
3.Keine Beschuldigungen äußern, sondern in der „Ich-Form“ sprechen
Versuche nicht, deinem Partner vorzuwerfen, was er oder sie falsch macht. Erkläre stattdessen, warum diese Sache für dich wichtig ist und wie du dich dabei fühlst.
Wenn du in der „Ich-Form“ sprichst, fühlt sich dein Partner nicht so leicht angegriffen und kann deine Gedanken besser aufnehmen.
Denn starke Gefühlswallungen können den anderen oft daran hindern, überhaupt klar zu denken und deine Argumente wirklich zu hören.
Das Ziel ist nicht, einen Konflikt zu gewinnen.
Das Ziel ist, den anderen besser zu verstehen und gemeinsam eine Lösung zu finden.
Was kann ich machen, wenn ich die Schildkröte bin?
Wenn du merkst, dass du eher die Schildkröte in eurer Beziehung bist, gibt es ebenfalls Schritte, die du lernen kannst, um besser mit Konflikten umzugehen.
1.Bitte um eine Pause – aber verschwinde nicht einfach
Wenn dir eine Diskussion zu intensiv wird und du am liebsten die Flucht ergreifen möchtest, dann erinnere dich daran: Dein Partner ist nicht gegen dich.
Bitte deinen Partner um eine Auszeit – aber verschwinde nicht einfach aus dem Raum.
Schau deinem Partner in die Augen und sage zum Beispiel:
„Diese Diskussion lähmt gerade mein Gehirn. Ich kann nicht mehr klar denken. Gib mir bitte kurz eine Pause. Ich brauche etwas Zeit, um über das Gesagte nachzudenken.“
Damit gibst du deinem Partner die wichtige Botschaft: Du lehnst ihn oder sie nicht ab. Du brauchst nur einen Moment, um dich wieder zu sammeln.
2.Versichere deinem Partner, dass du das Gespräch wieder aufnehmen wirst
Für den Sturm ist es besonders schmerzhaft, wenn die Schildkröte sich zurückzieht und es unklar bleibt, ob das Thema jemals wieder angesprochen wird.
Deshalb ist es wichtig, deinem Partner zu versichern, dass du zurückkommen wirst.
Vereinbart gemeinsam eine Zeit, die für euch beide passt, in der ihr den Konflikt in Ruhe und ohne Ablenkung weiter besprecht.
Eine einfache Aussage wie: „Ich habe verstanden, daß dir dieses Thema wichtig ist. Ich brauche nur etwas Zeit, um meine Gedanken zu sortieren. Lass uns heute Abend darüber sprechen.“ Dieses kann bereits viel Sicherheit schaffen.
3.Laufe nicht dauerhaft vor schwierigen Gesprächen davon
Eine Auszeit bedeutet nicht, dass das Thema verschwinden darf. Vermeide es nicht dauerhaft. Drücke dich nicht vor dem Gespräch.
Denke daran: Dein Partner liebt dich und sehnt sich genauso nach Sicherheit und Nähe wie du. Nur die Art und Weise, wie ihr mit schwierigen Situationen umgeht, ist unterschiedlich.
Dein Partner reagiert vielleicht mit vielen Worten und dem Wunsch nach sofortiger Klärung. Du reagierst vielleicht mit Rückzug und dem Bedürfnis nach Ruhe.
Keiner von euch ist automatisch falsch. Aber beide dürfen lernen, aufeinander zuzugehen.
Die Schildkröte darf lernen, dass Nähe nicht bedeutet, kontrolliert oder überwältigt zu werden.
Und der Sturm darf lernen, dass eine Pause nicht bedeutet, verlassen oder abgelehnt zu werden.
So entsteht mit der Zeit eine neue Dynamik: Nicht mehr ein Kampf zwischen Sturm und Schildkröte – sondern zwei unterschiedliche Menschen, die gemeinsam einen Weg finden.
Der Weg raus aus dem Kreislauf: Gemeinsam statt gegeneinander
Der Wendepunkt in solchen Beziehungen ist nicht, dass einer „besser“ wird.
Sondern dass beide anfangen zu verstehen:
Der andere ist nicht gegen mich. Er schützt nur etwas in sich.
Wenn der Sturm lernt, dass Rückzug nicht Ablehnung bedeutet, kann er/sie Verständnis aufbringen für den Partner. Wenn die Schildkröte lernt, dass Nähe nicht Kontrolle bedeutet, kann wieder Vertrauen wachsen.
Es haben also beide etwas zu lernen. Und wenn beide bereit sind, neue Konzepte auszuprobieren, dann beginnt irgendwo zwischen diesen beiden Polen etwas Neues: Eine Beziehung, in der nicht mehr jeder Versuch, Nähe zu schaffen, den anderen wegtreibt. Sondern in der beide lernen, sich wieder aufeinander zuzubewegen – ohne Angst, ohne Druck und mit besserer Kommunikation. Das muss nicht gleich perfekt klappen. Jeder Versuch ist der Anfang in eine neue Richtung. In der Ehe dürfen wir gemeinsam wachsen. Dazu haben wir ein ganzes Leben lang Zeit. :-)
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